Der Raab ist weg – und mit ihm ein Stück meiner Jugend

Die letzte Sendung von und mit Stefan Raab ist Geschichte. In einer fast erwartungsgemäß langen Ausgabe von Schlag den Raab versuchte sich der Entertainer gegen gleich 15 Kandidaten. Nachdem das letzte Spiel gespielt und ein glücklicher Gewinner eine Million Euro mit nach Hause nehmen konnte, holte Raab noch zu einer musikalischen Verabschiedung aus. Typisch für ihn, begann dieser doch nicht ohne Grund seine TV-Karriere bei einem Musiksender. In einer Zeit, in der es noch mehrere Musikspartenkanäle im deutschen Fernsehen gab und VIVA mit frischen Gesichtern gerade dabei war, MTV den Rang abzulaufen, startete Raab 1993 mit seiner eigenen Sendung namens Vivasion. [1993! Verdammt, bin ich alt.] Viele der später berühmt-berüchtigten Einlagen waren auch hier schon zu sehen, so unter anderem das Raabigramm. Und auch in der prä-Pro7-Zeit gaben sich Prominente die Klinke in die Hand und setzten sich trotz widriger Bedingungen dem Raabinator aus. Eine (für mich heute ganz spezielle) Ausgabe war jene mit Falco aus dem Jahr 1995.

[Heiliger Strohsack! Ich habe völlig verdrängt, welch grausige Klamotten Raab über viele Jahre hinweg trug.]
Der Musik blieb er, nachdem er zunächst unter anderem Jingles prodzierte, auch während seiner Zeit im TV treu. Hier war er stets von der Idee angetan, Musik und TV noch mehr miteinander zu verknüpfen. Alles fing an mit der WM 1994 und dem damaligen Trainer der Deutschen Nationalmannschaft: Berti Vogts.

Hier setzte das Kölner Knautschgesicht das erste große Ausrufezeichen, welches mittels einer Kollaboration mit Bürger Lars Dietrich und Jürgen Drews noch größer werden sollte.

Man sieht: Schon damals verstand es auch Drews, mal den ein oder anderen Scherz mitzumachen, der sich in seiner Karriere alles andere als negativ auswirken sollte.

Verantwortlich dafür, dass wir Raab überhaupt präsentiert bekamen, ist ein Mann namens Marcus Wolter. Als Produzent von Vivasion bekam er nicht selten etwas zu hören und verbal eins auf die Mütze, allerdings gilt er bis heute als Entdecker des gelernten Metzgers. Dass Wolter auch nach seiner Zusammenarbeit mit Raab, er fungierte bis 2002 als Producer bei TV Total, einen guten Riecher behielt, zeigt sich darin, dass er zusammen mit Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf die Firma Florida TV gründete, welche sich heute für Circus HalliGalli verantwortlich zeichnet. Aber dies nur am Rande.

Nach ca. 6 Jahren wechselte Raab im Jahr 1999 den Sender und heuerte bei Pro7 an. Mit zunächst einer Ausstrahlung pro Woche und richtig vielen innovativen Skits. Ein Beispiel gefällig?

Raab in Gefahr – Bei McDonalds:

Legendär auch die vielen Raabigramme. Immer kackenfrech, aber genau deswegen auch immens lustig. Zum Beispiel das mit Will Smith:

Der Wechsel hin zu ProSieben war gleichzeitig auch der Startschuss für Größeres, bekam er im Laufe der Zeit immer mehr Narrenfreiheit. Bei TV Total bekam Raab mit den Heavytones eine eigene Band und auch im anderweitig ging im musikalischen Bereich der Spaß weiter, landete er doch mit Hilfe eines Ausschnitts der Sendung „Barbara Salesch“ seinen ersten Nummer 1 Hit:

Ein Kracher und in dieser Form im deutschen Fernsehen ein absolutes Novum. Ich erwischte mich soeben dabei, dass ich im Grunde den ganzen – zugegebenermaßen nicht sehr diffizilen – Song mitsingen konnte.

Allerdings streckte der EffZeh-Fan schon ein Jahr vorher seine Fühler erneut Richtung Musikgeschäft aus, verhalf er 1998 doch Guildo Horn zu einem Achtungserfolg beim Eurovision Song Contest. Unter seinem Pseudonym Alf Igel komponierte er den Song Guildo hat euch lieb!, der es immerhin auf Platz 7 schaffte und noch heute Ohrwurmpotential besitzt. Endgültig eskalierte Raab dann mit seinem Werk im Jahr 2000, bei welchem er sogar selbst auf der Bühne stand. „Wadde hadde dudde da?“ ist für mich noch immer ein absolutes Gaga-Meisterwerk und persifliert das damals angestaubte Konzept des „Grandprix Eurovision de la Chanson“.

Die „Nippel“, die auch schon bei Vivasion zum Einsatz kamen, wurden natürlich auch auf Pro7 weiterverwendet. Ich kann mich noch daran erinnern, mir mal ein eigenes Programm heruntergeladen zu haben, nur damit ich an meinem PC ebenfalls ein paar dieser „Nippel“ verwenden konnte. [Nein, nicht was ihr wieder denkt.]

Ab 2001 bekam TV Total Zuwachs in Form von Elton. Nicht selten wird die Hinzunahme dieses Sidekicks kritisiert, aber ich empfand es als guten Schritt zur richtigen Zeit. Nicht zuletzt deshalb, weil dadurch lustige Formate entstanden. Zum Beispiel „Elton ferngesteuert“:

Im selben Jahr wurde Raab auch sportlich aktiv. So trat er in einem – nicht geskripteten – Boxkampf gegen Regina Halmich an. 2007 folgte das zweite Aufeinandertreffen. Im Stile von Andy Kaufman, der sich in den USA als Wrestler versuchte und unter anderem eine legendäre Fehde gegen Jerry „The King“ Lawler hatte. In der Folgezeit kam es zu einer Reihe sportlicher Events, die Raab als Spezialevent am Wochenende austragen ließ, mir jedoch wenig zusagten. Springreiten, Turmspringen, etc. Interessant war noch das Konzept der Wok WM. Eine lustige Idee, stark kommerzialisiert und dadurch im Sinne der Veranstalter perfektioniert.

TV Total blieb noch eine ganze Weile relevant und suchte ab 2003 mit SSDSGPS („Stefan sucht den Super-Grand-Prix-Star“) einen deutschen Teilnehmer für den Eurovision Song Contest. Es entstand als Gegenreaktion zu dem schon damals unsäglichen „Deutschland sucht den Superstar“ und brachte qualitativ hervorstechende Künstler hervor. Hier setzte sich der noch heute erfolgreiche Max Mutzke durch. Can’t Wait Until Tonight, geschrieben von Stefan Raab, errang beim ESC in Istanbul Platz 8 und Platz 1 in den deutschen Charts. Ein weiterer Erfolg für Raab.

Zuvor arbeitete er, wie schon bei Maschendrahtzaun, erfolgreich mit Sound-/Videoschnipseln, in denen selbst der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder nicht fehlen durfte (Hol mir ma ne Flasche Bier). Auch Wir Kiffen und Gebt das Hanf frei waren in den Charts erfolgreich, genauso wie Space Taxi, ein Song aus dem Soundtrack von (T)Raumschiff Surprise – Periode 1, welcher ebenfalls von Raab produziert wurde.

Nach eher mäßig spannenden Sondersendungen, die in mir kein Interesse wecken konnten, haute Raab 2005 einen Kracher raus. Der Bundesvision Song Contest fand erstmals statt und bot einen gelungenen Mix aus bekannten und unbekannten Künstlern, die sich beweisen wollten.

2006 folgte dann ein weiteres absolutes Highlight im Programmportfolio des Raabinators: Die Geburt von Schlag den Raab. Eine der wenigen deutschen Produktionen, die erfolgreich ins Ausland verkauft wurden und vermutlich die Sendung, die, trotz eines kontinuierlichen Qualitätsabfalls von TV Total, viele Menschen an Raab band. Während man bei TV Total bisweilen immer mehr das Gefühl bekam, dass der ehemalige Jurastudent nicht mehr voll bei der Sache sei, Gags nicht mehr ausreichend vorbereitet wurden und der kreative Prozess flöten geht, haute Raab hier Sendung für Sendung alles raus. Das „Kampfschwein“ zeigte seine Allrounderqualitäten und besiegte nicht selten vermeintlich übermächtige Gegner.

Was mich an Raab immer fasziniert hat, war sein absoluter Wille, jedes Spiel gewinnen zu wollen. Obgleich es für ihn ja nicht um den Jackpot ging, kämpfte er bis zum Äußersten. Oftmals mit List und Geschick. Seine entnervenden Nachfragen – seine Pingeligkeit – werden mir genauso in Erinnerung bleiben, wie seine Stürze, seine Verletzungen, welche er gewillt war, einzustecken. Nur um diese Sendung maximalst erfolgreich zu machen. Aus diesem Grund hielt ich auch fast immer zu Raab und nicht zu den Bewerber*innen.

Beachtlich auch seine Sondersendungen zu den Bundestagswahlen 2005, 2009 und 2013. Überdies war er im Jahr 2013 Teil der Gruppe von Journalisten, die im TV Duell Steinbrück und Merkel auf den Zahn fühlten. Raab fiel hier abermals durch seine Bissigkeit auf.

Der Höhepunkt seiner Karriere kam dann im Jahr 2010. Mit seiner Sendung Unser Star für Oslo suchte Raab zusammen mit dem NDR eine*n Kandidat*in für den Eurovision Song Contest und fand Lena. Was folgte, ist hinlänglich bekannt: Der erste Platz 1 für Deutschland beim Eurovision Song Contest seit Nicole und Ein bißchen Frieden im Jahr 1982. Satellite begeisterte Oslo und die Welt und ein Star wurde geboren, der sich auch heute noch, im Jahr 2015, ordentlich in den Charts hält. Erst in diesem Jahr gewann Lena wieder diverse Auszeichnungen (1Live Krone, MTV Europe Music Award, etc), ihr Album erreichte Platz 2 und mit ihrem eigenen YouTube-Kanal geht die Hannoveranerin mit der Zeit, wenngleich dieses Makeup-Musik-Gedöns nicht so wirklich was für mich ist.

Für Raab war dies der vielleicht größte Erfolg. Als Musiker, aber auch als Produzent und TV-Schaffender. Die darauffolgende Ausgabe im Jahr 2011 trug ebenfalls seine Handschrift.

TV Total befand sich derweil in einer Abwärtsspirale und war nur noch zu Sonderausgaben wie in Oslo oder auch in den USA sehenswert, auch weil Raab sämtliche Trends verschlief oder womöglich nicht bereit war, gewisse Änderungen vorzunehmen. Für die Sendung wäre es vielleicht von Vorteil gewesen, einen anderen Moderator an das Format heranzuführen. Beispielsweise den schon früher bei TV Total aktiven Lutz van der Horst hätte ich mir hier gut vorstellen können, während Raab weiterhin die Samstagsshows wie SdR und Co betreut. Doch wie wir wissen, kam es anders.

Stefan Raab ist nun nicht länger Teil der deutschen Fernsehlandschaft. Er wählte freiwillig den Ausstieg und wird sich voraussichtlich komplett zurückziehen. Für immer? Möglich, aber dies darf durchaus bezweifelt werden. Nicht ausgeschlossen ist, dass sich die vielleicht prägendste Kauleiste des deutschen Fernsehunterhaltung irgendwann im Musikgeschäft zurückmeldet, bekam man in den letzten Monaten doch regelmäßig das Gefühl, dass er sich gerade dort noch immer wohl fühlt.

Für mich geht mit seinem Abgang ein Stück Fernsehgeschichte zu Ende. Und nicht nur das: Ein Teil meiner Jugend ist damit ebenfalls abgeschlossen. Ich bin mit Raab aufgewachsen, er hat mich als Fernsehkind geprägt und mit seinen Innovationen begeistert. Nicht selten saß ich wegen seinen Sendungen heulend vor Lachen am TV, regelmäßig waren seine Gags Gesprächstoff auf dem Schulhof. Der Raab von damals würde heute nicht mehr in dieser Form funktionieren, haben sich doch Gesellschaft und Humor verändert, aber vielleicht nehmen sich ja Joko und Klaas ein Beispiel an seiner Vielseitigkeit, seinem Ehrgeiz. Sollten sie dies nicht schaffen, kommt Raab womöglich in fünf Jahren plötzlich wieder um die Ecke und präsentiert sein neues Konzept einer geupdateten Version von „Wetten, dass..?“ …Who knows?

So long und vielen Dank für all die lebensverlängernden Lachanfälle und Momente zum Mitfiebern!


 

Kleine zusätzliche Anekdote:  Vor vielen Jahren – ich glaube im Jahr 2003 –  schrieb ich Raab eine Mail, in der ich ihm das Konzept einer Showidee präsentierte. In dieser dachte ich darüber nach, dass man nach dem Erfolg des Boxkampfes gegen Regina Halmich doch etwas mit Wrestling machen könnte und schlug vor, sich das Produkt der wXw näher anzuschauen, eventuell eine Kooperation anzustreben und bei gelegentlichen crosspromotionalen Events die Produktionsqualität dieser Veranstaltung anzuheben. Schon damals war ich davon überzeugt, dass Euro-Wrestling auch im linearen Fernsehen Erfolg haben könnte. Natürlich bekam ich auf meine Mail keine Antwort und knapp 13 Jahre später gibt es noch immer kein deutsches Wrestling im TV, aber die Hoffnung habe ich dennoch nicht aufgegeben. 😉

Bildnachweis: L3XLoGiC [GFDL, CC BY-SA 3.0 or CC BY-SA 3.0 de], via Wikimedia Commons

Reingeschaut: Gotham

Endlich! Nachdem ich vor mehr als einem Jahr darüber schrieb, dass mit Gotham eine Serie anläuft, die unter anderem Batmans aka Bruce Waynes Vorgeschichte als Kind beleuchtet, kam ich jetzt endlich dazu, mir die ersten zehn Folgen von Staffel 1 anzuschauen. Optimal, lenkte mich diese von meiner latent vorhandenen Flugangst auf der Reise nach und von Island ab.

Bisheriges Fazit: Ich bin hellauf begeistert! Viele Serien habe ich in der letzten Zeit angefangen, doch nur wenige konnten mich fesseln. Gotham jedoch schaffte es auf Anhieb. Die Charakterzeichnung ist herausragend. Die Einführung vieler späterer Bösewichte wird in packender Weise vollzogen. Man wird mitgenommen auf eine Reise durch das DC-Universum Gotham City und ohne zu viel verraten zu wollen: Mehrere spannende Gegenspieler Batmans, die man aus etlichen Filmen kennt, werden hier von Beginn an – und sei es nur in kurzen Sequenzen – vorgestellt und eingeführt. Für einen gewissen Herrn Nigma entwickle ich jetzt schon eine Sympathie.

Ohne Frage: So manche Darstellung wirkt leicht überzeichnet, aber dies schmälert keineswegs den Gesamteindruck. Darüber hinaus kann sich auch die musikalische Begleitung der Serie sehen lassen, die das düstere Bild der Stadt in seiner durch und durch korrupten Art herausragend wiedergibt.

Detective Gordon wird von Ben McKenzie wunderbar porträtiert und selbst Butler Alfred, in den letzten Filmen gespielt von Michael Caine (<3), hat mit Sean Pertwee einen richtig guten Schauspieler bekommen. Donal Logue – den ich noch aus Sons of Anarchy kenne und hassen lernte (nur weil er seine Rolle damals so gut spielte) – und Jada Pinkett Smith sind sowieso über jeden Zweifel erhaben. Überdies überrascht bin ich von der Darstellung des Penguin, gespielt von Robin Lord Taylor. Anfangs tat ich mir aufgrund gänzlich anderer Körperform und Frisur – sprich moderne Erscheinung – etwas schwer, doch Taylor, der zudem irgendwann einmal die Hauptrolle in einem Marilyn Manson Biopic übernehmen könnte – verkörpert Oswald Cobblepot schlichtweg hervorragend.

Sehr ärgerlich allerdings, dass kein einziger Streamingdienst in Deutschland die Serie im Inklusivpaket anbietet. Lediglich käuflich sind die Folgen zu erwerben. Im Paket bei Maxdome beispielsweise für knapp 35€ in HD Qualität, ähnlich der Preis bei iTunes.

Reingeschaut: The Man in the High Castle

Wie sähe die Welt aus, hätte Hitler den zweiten Weltkrieg zusammen mit seinen Bündnispartnern gewonnen? Diese Dystopie wird in der neuen Serie The Man in the High Castle erzählt. Basierend auf dem Buch „Das Orakel vom Berge“ von Philip K. Dick zeigt uns diese „Amazon Originals“-Serie eine Alternativgeschichte. Diese beginnt im Jahr 1962. Die USA wurde zwischen den beiden Achsenmächten Deutschland und Japan aufgeteilt, welche in nicht allzu harmonischer Kooperation die Geschicke der Welt lenken. Zwischen den Japanischen Pazifischen Staaten und dem Großdeutschen Reich gibt es allerdings einen neutralen Part, die Rocky Mountains Zone, die für so manchen Revolutionär als vermeintliche Keimzelle eines möglichen Widerstandes gesehen wird.

Soweit zur Vorgeschichte. Die auf Amazon Instant Video verfügbare Pilotfolge offenbart leider einige logische Schwächen und so frage ich mich beispielsweise, warum im besetzten Amerika nicht in deutscher Sprache kommuniziert wird. Für mich ist es nur schwer vorstellbar, dass Hitler und Co. sich damit abgefunden hätten, aber vielleicht wird dieser Punkt auch in den kommenden Folgen erläutert. Zudem empfand ich die Darstellung der japanischen Führungsfiguren als etwas zu klischeehaft. Trotzdem tat dies der Spannung keinen Abbruch. Die Erzählung wusste aufgrund einer fesselnden Geschichte rund um die eingeführten Protagonisten von Anfang an zu überzeugen und Bilder wie die Amerikanische Flagge nationalsozialistischer Prägung ließen mir einen Schauer über den Rücken laufen.

Ab 20. November veröffentlicht Amazon weitere Folgen der ersten Staffel. Die deutsche Synchronfassung wird ab 18. Dezember verfügbar sein.

Den Trailer gibt es hier:

Bildnachweis: von Rama (Eigenes Werk) [CeCILL oder CC BY-SA 2.0 fr], via Wikimedia Commons