Der Hype um Helene. Oder: Warum rege ich mich eigentlich auf?

Immer wieder ertappe ich mich dabei: Ich zappe durch die gebührenfinanzierten Programme und entdecke immer öfter das Gesicht von Helene Fischer. Und immer wieder frage ich mich: Warum? Warum und wie ist sie zu einem solch großen Star geworden?
Diese Frage lässt sich jedoch noch einigermaßen leicht beantworten. Frau Fischer hat Talent. Eine ganze Menge sogar. Sie hat eine recht starke, farbenprächtige Stimme und beherrscht zudem auch die Kunst der Moderation, zumindest die flacher Abendunterhaltung. Ein zusätzlicher Faktor spielt ebenfalls mit hinein: Sie sieht gut aus. Geschmack hin oder her, sie ist recht attraktiv und wirkt makellos. Schwiegervaters Liebling also. In Zeiten, in denen immer mehr Menschen Piercings und Tätowierungen attraktiv finden, vielleicht auch den Stil des Rockabilly wiederaufleben lassen, bietet sie den Gegenpol. Zudem ist sie nicht angreifbar. Über ihr Privatleben erfährt man nicht viel, außer dass sie Florian Silbereisen zu einem besseren Aussehen verholfen hat.
Darüber hinaus darf man nicht vergessen, wer sie pusht. Es sind auch und gerade die Medien, die ihr zu diesem Status – innerhalb kürzester Zeit – verholfen haben. Sie haben die talentierte, in Sibirien geborene, Fischer immer wieder gut in diversen Abendshows platziert, sie schnell mit anderen Größen des deutschen Showbiz vertraut gemacht und so an den Zuschauer herangeführt. Ebenfalls ihr Management dürfte da nicht ganz tatenlos gewesen sein.

Soweit so gut. Dies dürfte ausgereicht haben, um sie zum Star der Rüstige-Rentner-Welt „Volksmusik“ zu machen. Doch sie ist mittlerweile mehr. Ihr Push reicht mittlerweile so weit, dass sie eine Show nach der anderen angeboten bekommt. Erst ihre eigene „Helene Fischer Show“, dann die Moderation des „Echo“ und zuletzt gar der „Bambi“. Für mich soweit kein Problem, gab es in der Vergangenheit doch wirklich heftige Moderationsfehlbesetzungen, ich denke da beispielsweise an Olli Pocher, welcher vielleicht ein guter Komiker, jedoch kein guter Moderator ist. Schwierig finde ich jedoch, dass man ständig ihre Musik aufgedrückt bekommt. Ja, ihre Platten verkaufen sich fantastisch und ja, sie hat eine gute Stimme. Aber wollen wir allen Ernstes seichtes Gesinge zum Aushängeschild unserer Musiklandschaft machen? Versteht mich nicht falsch: Ich habe Respekt vor ihrer Leistung und mag die Klangfarbe ihrer Stimme sogar, aber die Texte ihrer Songs strotzen nur so von Bedeutungslosigkeit. Dies gibt sie selbst auch zu, verarbeitet sie in ihren Songs in der Regel auch keine autobiographischen Inhalte. Sehr schade wie ich finde, trennt sich hier doch oftmals die Spreu vom Weizen. Songs, die man selbst mitgestaltet, selbst fühlt, sind für mich das, was Musik ausmacht. Und so ist es fast traurig, dass sich die ohne Frage begabte Fischer für diesen Weg der Belanglosigkeit entschieden hat. Aber gut, vielleicht bin ich auch zu verkorkst und finde es deshalb nicht glaubwürdig, wenn bei einer 29-Jährigen persönliche Probleme, Grenzen austesten, die Gesellschaft an sich und Sexualität keine erwähnenswerten Themen sind.

Noch interessanter ist jedoch die Frage, warum ihre Lieder dennoch so gut beim Publikum ankommen. Insbesondere auch beim jungen Publikum. Sicherlich, ein Teil der männlichen Zuschauer ergötzt sich lediglich an ihrem Äußeren und blendet dabei die Musik aus. Und dies gibt es nicht gerade selten. Doch was bewegt junge Menschen, sich Tickets für ihre Konzerte zu kaufen? Die gute Show? Oder doch eher die leichten Texte voll Liebe, Harmonie und dem vermeintlich Perfekten? Spricht sie damit die Wünsche vieler Jugendlicher an? Zumindest bei Menschen, die sich keine Gedanken machen, nicht über die Liedtexte nachdenken wollen, scheint dies in der Tat der Fall zu sein.
Möglich ist allerdings auch, dass Helene Fischer das Gesicht einer neuen Moral ist. In ihren Texten geht es nicht in erster Linie um Sex, sondern um Liebe. Nicht um Drogen, sondern um das Glücksgefühl des Verliebtseins. Die einzig negativen Gedanken werden erzeugt durch ehemalige Bekanntschaften, wenngleich ich da an der Glaubhaftigkeit des Ganzen zweifle. Ansonsten bleibt sie makellos und nicht zuletzt aus diesem Grund werden ihre CDs auch gerne vom ansonsten eher kritischen Weltbild-Verlag vertrieben.

Und überhaupt: Es ist ja nicht so, als würde sie gar keine englischen Songs singen. Nein, es gibt von ihr Cover einiger Hits, bei denen sie ihre gesangliche Qualität, die sie übrigens auch in Frankfurt gelernt hat, beweisen kann.

http://www.youtube.com/watch?v=EMBglQaux4E

Dennoch bleibt das Gefühl der Unpersönlichkeit. Perfekt ist halt nicht immer das Maximum, zumindest für mich nicht. Und so ist es irgendwie auch passend, dass Fischer gleich zwei von Michael Jacksons zwar berühmtesten, aber zugleich auch unpersönlichsten Liedern coverte („Heal the World“, „Earth Song“). Und das sage ich als jemand, der als kleines Kind großer Fan von MJ war.
Lustigerweise schafft sie es dann auch, bei eigens für sie komponierten englischen Songs den Schlager in ihrer Stimme so sehr in den Vordergrund zu stellen, dass man das Gefühl hat, sie singe eines ihrer typischen Lieder, einfach in englischer Sprache.
Nein, dies ist definitiv nicht meine Welt und wäre mir keine 90€ für eine Eintrittskarte wert, zumal mir darüber hinaus die typischen Mechanismen deutscher Mitklatschmentalität ein Dorn im Auge sind und mich gerade auch bei ihrer Show tierisch nerven würden.

Nun gehe ich, nachdem ich die Idee zu diesem Artikel zu Papier gebracht hatte, hinaus in die Stadt. Ich passiere die Fußgängerzonen Frankfurts, sehe massig Menschen mit Hoodies auf denen geschrieben steht „Freunde von Niemand“ (für mich noch immer grammatikalisch falsch) und mich beschleicht ein anderes, merkwürdiges Gefühl. Ich frage mich: Was habe ich eigentlich gegen die Fischers und Bergs dieser Welt? Ist dieser Hype um Helene Fischer wirklich ein Problem? Oder liegen die wahren Ärgernisse unserer Gesellschaft nicht eigentlich ganz woanders? Immerhin spielte „Frei.Wild“ in den letzten Tagen zwei mal unbehelligt (und von der Stadt offenbar gerne gesehen) in meiner geliebten Heimat Frankfurt…

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