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wXw Back 2 the Roots XIII – Oder: Die Komplexität der Begeisterung.

13 Jahre „Back 2 the Roots“ der wXw Germany und ähnlich lange bin ich nun auch schon als Fan beim Eurowrestling dabei. Und dies macht es für mich in gewissen Punkten nicht einfacher, neue Shows zu sehen. Bin ich früher noch mit einer recht geringen Erwartungshaltung zu Euroshows gefahren, ist diese heute nun eine völlig andere, wesentlich höhere. Bei „Back 2 the Roots 2“ beispielsweise trat ein junger Chris Hero gegen Martin Nolte, einem überaus limitierten Wrestler, an und sicherte sich von eben jenem den Heavyweight Title. Die Card war bis auf kleine Ausnahmen wesentlich schlechter als die vom vergangenen Samstag und doch war die Begeisterung damals eine andere.
Mittlerweile, rund 12 Jahre später, hat man viel gesehen. Auch dank der wXw, die immer wieder herausragende Wrestler nach Deutschland gebracht hat. Aber irgendwie will der Funke bei mir momentan nicht überspringen. Bei Back 2 the Roots XIII hat mir vieles gefehlt. Kein Match war richtig schlecht, wie es früher noch so manches Mal der Fall war, aber immer wieder fehlte das Quäntchen, was eine durchschnittliche Veranstaltung zu einer besonderen macht. Sinnbildlich dafür das Match von Hashimoto, einem Gaststar von Big Japan, gegen Kim Ray. Der Kampf der beiden war keineswegs schlecht, aber er war unfassbar bedeutungslos. Dabei trat mit Kim Ray immerhin jemand an, der früher selbst im Fanblock stand.
Generell muss man die wXw dafür loben, über die Jahre immer mehr eigene Talente gefördert und geformt zu haben. Wrestler wie Carnage, Kim Ray, 2 Face oder der großartige Karsten Beck mögen nicht jedem Zuschauer gefallen, aber sie entstammen alle dem Dojo der wXw. Allen voran auch der momentane Weltmeister aller Klassen Tommy End. End, den ich ebenfalls zu Beginn seiner Karriere nicht so wirklich gerne im Ring gesehen habe, hat sich mit der Zeit zu einer herausragenden Figur entwickelt, weswegen er diesen Titel auch völlig zu Recht trägt. End war es auch, der mit Zack Sabre jr. im Main Event das zweitbeste Match des Abends hatte.
Das Beste war meines Erachtens nach das No. 1 Contenders Match zwischen Zack und Big Van Walter. Hier spürte ich, dass beide wissen, was sie tun und so erzählten sie im Ring eine Geschichte bzgl. Walters Arm, den Zack immer wieder bearbeitete und schlussendlich so sehr lädierte, dass er den Österreicher mit einem Aufgabegriff bezwingen konnte. Auch das Publikum ging hier gut mit und so entwickelte sich ein richtig ordentliches Match.

Die Crowd ist auch das, was sich in den vergangenen über 10 Jahren mit am meisten verändert hat. Klar gibt es noch einige wenige, die vom ersten Tag an dabei waren, aber die Mehrzahl der heutigen Zuschauer kennt Namen wie Thumbtack Jack, Thomas Blade oder gar HATE nur noch aus Erzählungen oder der Statistikseite der wXw auf cagematch.de. Dies ist grundsätzlich auch gar nicht schlecht, sondern einfach der natürliche Lauf der Zeit, wie man es beispielsweise auch im Fußball gewohnt ist, wo jüngere Eintrachtfans einen Jay-Jay Okocha heute noch maximal wegen seines unfassbar grandiosen Tores gegen Oliver Kahn kennen.
Allerdings verändert sich damit auch das Verhalten der Zuschauer. Wurde früher fast alles entweder bejubelt oder aus der Halle gebuht, gibt es heute wesentlich mehr Gleichgültigkeit. Und diese Gleichgültigkeit ist vielleicht das Schlimmste, was einem solchen Produkt widerfahren kann. War es vor einigen Jahren noch so, dass einigen „verhassten“ Wrestlern mit Menschenketten förmlich der Weg zum Ring versperrt wurde, gibt es heute maximal ein paar Buh-Rufe.
Doch woher kommt das? Die Shows sind fast immer zu lang, aber dies waren sie auch früher schon. Bis auf wenige Ausnahmen war gegen Ende der Veranstaltung immer etwas die Luft raus, aber dennoch störte dies das positive Gesamtbild nicht. Vielleicht liegt diese andere der Rezeption einfach an der neuen Generation Fans, die zwar alles genau und kritisch beobachten, jedoch nicht mehr so wild sind, wie die Generation der Zuschauer vor ihnen. Begünstigt wird diese fast sterile Atmosphäre allerdings auch von den veränderten Gegebenheiten. Fanden die Shows vor rund 10 Jahren noch in den Essener Metal- bzw. Gothicclubs TuRock oder Roxy statt, werden heute Orte wie das Oberhausener Steffy ausgesucht (wenngleich nicht ganz freiwillig, da die Turbinenhalle gegenwärtig umgebaut wird), bei den sich Schlagerstars die Klinke in die Hand geben. So ist auch die Musik vor den Veranstaltungen nicht mehr aufpushend-motivierend, sondern eher seicht und belanglos.

Klar, nicht jede Show kann so herausragend werden, wie der dritte Tag des 2011er 16 Carat Gold Tournaments. Aber es sind auch – ja vielleicht gerade – die Kleinigkeiten, die ich manchmal vermisse. Chris Hero beispielsweise hatte am vergangenen Samstag nach 3 Jahren einen tollen Welcome Back-Pop. Dennoch wäre es einen Tick schöner gewesen, hätte man in seine reguläre Einzugsmusik seine alte und ehemalige Kult-Theme „Holding out for a Hero“ hineingemixt. Sei es nur für wenige Sekunden, der Pop wäre ungleich höher gewesen und hätte einen sicherlich denkwürdigen Moment erschaffen.

Zudem stellte ich erneut fest, dass der Gegner von Hero an diesem Abend nicht die glücklichste Wahl war. Bad Bones mag sich nun schon viele Jahre in europäischen Ringen herumschleichen, aber er ist im Endeffekt nicht mehr als ein durchschnittlicher Wrestler. Bones ist – so Leid es mir tun mag – bei weitem nicht „Best in Europe“, schafft er es doch nicht, ein Match zu leiten und zu gestalten. Alles wirkt sinnlos aneinander gereiht, Power Move an Power Move. Die Ausführung ist zwar sauber, aber das Match bleibt uninteressant. Darüber hinaus wirkt Bones ganz generell wie eine Art „Generic Wrestler“ aus einem „Create-a-Wrestler“-Modus. Glatze, Muskeln, braungebrannt, ausdrucksloses Gesicht. Um sich dann doch etwas mehr Pepp zu verleihen, klaut er sämtliche Finisher diverser WWE-Wrestler und übernimmt dann sogar Catchphrases und Logos, die er sich sodann selbst zusammenschustert. Das alles reicht definitiv zu einem Midcarderstatus, aber der Beste in Europa wird bzw. ist er damit nicht, auch wenn er sich nun einen feschen Bart hat stehenlassen. Zudem ist sein Micwork noch immer maximal durchschnittlich, was jedoch bei vielen europäischen Kämpfern ein nicht zu unterschätzendes Problem darstellt. Trotzdem hat er es, nicht zuletzt aufgrund einer überraschend und – ehrlich gesagt – unbegreiflich großen Fanschar geschafft, bei TNA Wrestling anzuklopfen, die den Mann aus Bitburg nun bei ihrer kommenden Tournee mitnehmen. Das Match vom Samstag sollte er dann jedoch nicht als Visitenkarte vorzeigen, war es hier jedoch einzig Hero, der positiv hervorstach und das Match zu führen versuchte.

Käfigmatch-bei-der-wxwDas Lowlight des Abends war jedoch ohne Frage das Käfigmatch. Sicherlich war es unglücklich, dass der eigentliche Shotgun-Champion Dragunov nicht antreten konnte, allerdings war sein Ersatz, der frühere World Champion „Axeman“ Tischer, kein guter. Es ist mir sowieso schlichtweg unverständlich, wie der „Axeman“ jemals so sehr im Ranking der wXw steigen konnte, dass er einmal den Haupttitel hält, ist er für mich doch nicht mehr als ein maximal mäßiger Catcher. Auch ihm fehlt das Talent, ein Match gedanklich planen und sodann umsetzen zu können und so arbeiteten sich die beiden Protagonisten an einem ganz gruseligen Cagematch ab. Ohne klare Linie, ohne nennenswerte Höhepunkte. Langsam und ziellos. Da wundere ich mich ernsthaft, dass Tischer eine eigene Wrestlingschule betreibt. Aber vielleicht liegt hier ein ähnliches Phänomen wie bei SigMasta Rappo Pascal Signer vor, der ebenfalls nie innerhalb des Ringes überzeugen konnte und trotzdem bei der Ausbildung mehrerer guter Wrestler half, allen voran Antonio Cesaro.
Vielleicht war auch meine Erwartungshaltung, das für mich erste richtige Cagematch live sehen zu können, zu hoch, aber so wie es die beiden Berufsringer in spe an eben jenem Abend gemacht haben, darf man es nicht machen. Das war viel zu wenig für ein Match dieser Güte, zumal es auch um einen Titel ging. Überdies kam auch der durchgeführte Heelturn von Tischer überhaupt nicht beim Publikum an, nicht zuletzt weil das Gimmick des Gegners „Carnage“ einen doch eher rechtslastigen Touch hat und er folglich kein richtiger Publikumsliebling war.

Darüber hinaus hatte die wXw jedoch auch immens viel Pech mit Verletzungen. Neben dem japanischen Hauptact Daisuke Sekimoto, der ursprüglich gegen End hätte antreten sollen, fiel nach der ersten Show auch Okabayashi aus.
Alles in allem war es für mich kein überzeugender Wrestlingabend. Und das, obgleich es nahezu keinerlei richtige Tiefpunkte, aber eben auch keine Höhepunkte gab. Vielleicht wäre die Bewertung im Jahr 2005 anders ausgefallen, vielleicht würde ich die Veranstaltung mit anderen Augen sehen, wären die Zuschauer besser mitgegangen. Insgesamt kamen hier jedoch so viele Kleinigkeiten hinzu, die für mich den Gesamteindruck entscheidend trüben und somit zu einem unbefriedigenden Ende geführt haben. Wie ich feststellen konnte, sahen dies viele, insbesondere jüngere Fans, komplett anders und loben die Show in höchsten Tönen, aber mir ist dies leider nicht möglich, auch wenn ich beispielsweise von Hot & Spicy, einem ungemein dynamischen Tag Team, erneut begeistert war.

Schade eigentlich. Gerade auch wenn man bedenkt, dass die momentanen Besitzer die wXw von einem wahren Geldfresser zu einem profitablen und seriösen Unternehmen gemacht haben. Dafür allein gebührt den Verantwortlichen Lob und Anerkennung und so blicke ich trotz des eher negativen letzten Eindrucks optimistisch in die Zukunft, sind mit Adam Cole, Tommaso Ciampa, Chris Hero, Big Van Walter, Trent Barreta und anderen doch schon einige hochkarätige Namen für das 16 Carat Gold Tournament, der wohl wichtigsten jährlichen Veranstaltung in ganz Wrestling-Europa, angekündigt. Eine erneute Enttäuschung scheint da also fast ausgeschlossen zu sein.

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