lady-gaga-artpop

Lady Gaga – „Artpop“. Der Versuch einer Bewertung.

Ich habe es wirklich probiert. Ernsthaft. Mehrere Stunden, Augen zu und nur mit Over-Ears auf den Lauschern. Aber der Funke will nicht überspringen.
Ich mag Lady Gaga. Finde sie – komischerweise – in ihrer versucht künstlerischen Art authentischer als viele andere Plastikpopsternchen, die sich die Beliebigkeitsklinke in die Hand geben. Grund dafür ist auch ihre ohne Frage weit überdurchschnittliche Stimme. So hatte ich mich – auch aufgrund ihres Auftritts beim iTunes Festival 2013 – auf ihre neue Platte gefreut.

Doch was dabei herauskam, ist leider maximal mäßig. Viel zu viel Nebengeschrabbel, verstörende Klänge, die vermutlich auch genau so beabsichtigt sind, mich dem Produkt jedoch nicht näher bringen. Beispiel dafür der erste Song ihrer CD „Aura“, bei dem man sich 1Minute42Sekunden durch Verzerrungen kämpfen muss, bevor man für 30 Sekunden das ohne Frage hervorstechende Climax des Songs auf die Ohren bekommt.
Und wenn ein Song mal nicht überproduziert wirkt, werden vermeintlich gute Tracks wie „Gypsy“ auf ausreichend BPM hochgeschraubt, sodass sie dem üblich seichten Pop-Dance-Standard genügen und folglich die eigentlich schöne Melodie zerstören.
„Venus“, „Sexxx Dreams“, „G.U.Y.“, „Donatella“ (hat einen Anflug von Britney Spears‘ „Work b*tch“) und „Fashion“ sind für mich nicht mehr als typische 08/15-Pop-EDM-Tracks, die nett aber auch unsagbar vergänglich klingen und somit optimal  bei der nächsten Staffel von Germany’s Next Topmodel verwurstet werden können.
Warum man ein Lied über Maniküren („MANiCURE“) machen muss, erschließt sich mir ebenfalls bislang noch nicht, aber dieser – allein textlich bedeutungsloser Titel – klingt wenigstens gut und könnte ich mir bei der nächsten Aufführung des Musicals „Hair“ vorstellen.
Potential dagegen hat „Mary Jane Holland“, wenngleich ich noch nicht komplett hinter dieses Lied gestiegen bin. Zwar bedient es den typischen Gaga-Sound, trotzdem wirkt es irgendwie innovativ und hat zugleich einen ungemein griffigen Refrain.
„Jewels N’Drugs“ ist Gagas Ausflug ins Rap-Millieu. Nicht uninteressant, aber irgendwie nicht ganz rund, wenngleich mit einem guten Abschnitt ab 2:15 ausgestattet. Sowieso verstehen es Gaga und ihre Prozenten in fast jedem noch so nervigen Track gute Passagen unterzubringen, die zum Teil sogar einen Funken Genialität aufblitzen lassen.
„Do what U want“. Tja. Recht seichtes Sexaufforderungsgesäusel mit einem typischen R. Kelly. Wirklich, wirklich nichts Besonderes, auch wenn die beiden Protagonisten darauf anscheinend mächtig stolz sind.
„Swine“ finde ich einfach nur nervig, wenngleich das Thema ein durchaus interessantes ist. Die überdrehten Nebengeräusche machen den Song jedoch nur zu einer 4Minuten29Sekunden dauernden Ohrenfolter.
„Applause“ ist Stück aus dem typischen Gaga-Erfolgshandbuch. Beat und Chorus die im Kopf bleiben und einen zum Mitsingen anregen sollen. Nett finde ich ja die Einstreuung des deutschen Wortes „Kunst“. Trotzdem nervt mich das Lied. Wohl auch, weil es in den gängigen Radiostationen schon wieder durchgängig totgespielt wird, aber auch, da es im Grunde nicht mehr als Musik für das tanzende Vodka-E-Volk ist: Rein in den Kopf, mitgröhlen, vergessen. 

Dennoch. Das neue Werk von Lady Gaga hat zumindest zwei wirkliche Höhepunkte:

  • „Dope“, ein balladesker Song, bei dem sich Gaga mit ihrer Drogensucht auseinandersetzt und dabei neben ihrer Stimme hauptsächlich nur noch ein Klavier zum Einsatz kommt.
  • „Artpop“. Der Song zum gleichnamigen Album ist für mich ein absoluter Kracher. Ich war von der ersten Sekunde an „hooked“. Ein typischer Popsong mit unglaublich griffigem Refrain, der an einige der besten Pet Shop Boys Songs erinnert und bei dem ich die Aussage der Autorin richtig fühlen kann. Besonderer Moment ist für mich, wenn Gaga sprechsingt „ I just love the music not the bling“. Das nimmt man ihr ab, auch wenn neben der Musik immer eine ganze Menge drumherum passiert. Einfach ganz viel Liebe für diesen Track, der für mich Pop in seiner besten Form ist.

Ich verstehe, dass Gaga vielmehr ein Gesamtkunstwerk als „nur“ Musik darstellen soll, insbesondere mit den ganzen Kostumierungen, den – für mich völlig unnötigen – ständigen Tanzeinlagen. Was jedoch die Zeit überdauernd wird, ist ihre Stimme und ihr Talent zu schreiben. Und das sie beides hat, kann man, meines Erachtens,  hier auch recht gut erkennen:

Und ja. Aus genau diesem Grund warte ich auch noch, bis sie 40 ist und dann endlich nur noch mit Klavier und ihrer Stimme auftritt und so die Menschen von ihrer Kunst überzeugen kann.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s